Pressemitteilung: November
2003
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Die Finanzkrise der Universitäten und ihre
Folgen für die Geisteswissenschaften
[Kurze Fassung]
Die Lage der Geisteswissenschaften hat sich in kürzester Zeit
gravierend ver-schlechtert. Steigende Studierendenzahlen und leere
staatliche Kassen haben bundesweit Stellenstreichungen, Reduktionen
und Auflösungen ganzer Bereiche oder Einstellungen von Studiengängen
auch an renommierten Universitäten auf die Tagesordnung gesetzt.
Die Politik ist im Begriff, einen zentralen Ausbildungsbereich mit
in vielen Bereichen extrem hohen Studierendenzahlen irreversibel
zu beschädigen.
Im aktuellen Trend, eine möglichst direkte Verwertbarkeit
von Ausbildungswegen einfordern, werden die interdisziplinär
angelegten geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Studiengänge
durch strukturelle Eingriffe in ihrer Substanz gefährdet. Die
Situation wird noch dadurch verschärft, dass der Erfolg der
bis 2010 abzuschließenden Einführung gestufter Studiengänge
(Bachelor/Master) nach dem Europäischen Studienmodell von einer
erhöhten Betreuung und Beratung entscheidend abhängt.
Geradezu gegenläufig wird sich die Relation von Studierenden
und Lehrenden weiter verschlechtern, mit allen Folgen für die
fachliche Betreuung, den Studienerfolg und Studiendauer.
Die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sollen eine grundlegende
Bildungs-reform organisieren und gleichzeitig Beschneidungen hinnehmen,
die ihre Substanz gefährden.
[Lange Fassung]
Der Philosophische Fakultätentag als hochschulpolitische Vertretung
der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften an den deutschen
Universitäten stellt mit tiefer Besorgnis fest, dass sich die
Lage der Geisteswissenschaften in kürzester Zeit gravierend
verschlechtert hat. Steigende Studierendenzahlen und leere staatliche
Kassen haben eine Situation geschaffen, die in allen Bundesländern
zu erheblichen Einschnitten führen, von denen die Geisteswissenschaften
überproportional betroffen sind.
So soll etwa die Philosophische Fakultät der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg knapp 30% der für die Gesamtuniversität
vorgesehenen Einsparsumme erbringen. Bundesweit sind Stellenstreichungen,
Reduktionen und Auflösungen ganzer Bereiche oder Einstellungen
von Studiengängen an der Tagesordnung (etwa der Lehramtsstudiengänge
an renommierten Universitäten des Landes Nordrhein-Westfalen).
Einschreibungen in geisteswissenschaftlichen Fächern werden
z.B. im Land Berlin ausgesetzt.
Der Philosophische Fakultätentag hält weder Kürzungen
für verantwortbar, die auf dem Zufall nicht besetzter oder
freiwerdender Stellen beruhen, noch Streichungen, die das differenzierte
Geflecht großer und kleiner Fächer und damit die Substanz
der Geisteswissenschaften beschädigen.
Im aktuellen Trend, eine möglichst direkte Verwertbarkeit
von Ausbildungswegen einfordern, haben die Geisteswissenschaften,
deren gesellschaftliche Relevanz nicht immer auf den ersten Blick
erkennbar ist, naturgemäß einen schweren Stand, da das
Berufsfeld ihrer Absolventen außerordentlich breit gefächert
ist und in der Öffentlichkeit als diffus wahrgenommen wird.
Gerade deshalb hat die Politik die Verantwortung, einen zentralen
Ausbildungsbereich mit in vielen Bereichen extrem hohen Studierendenzahlen
nicht irreversibel zu beschädigen.
Die geschilderte Situation wird noch dadurch verschärft, dass
mit der bis 2010 abzuschließenden Einführung gestufter
Studiengänge (Bachelor, Master, Promotion) eine Erhöhung
des Betreuungs- und Beratungsbedarfs verbunden ist, der sich aus
den überwiegend studienbegleitenden Prüfungen in den neuen
Studiengängen und der längeren Parallelführung neuer
und alter Studiengänge (in Wahrung des Vertrauensschutzes
für die in alte Studiengänge eingeschriebenen
Studierenden) ergibt.
Die Bewältigung dieser personalintensiven Anforderungen wird
noch dadurch erschwert, dass zum einen die Zahl der Studierenden
auf hohem Niveau zunimmt und aus gesellschafts- und bildungspolitischen
Gründen auch weiterhin zunehmen soll, zum anderen aber die
strukturellen Eingriffe durch Stellenstreichungen und -umschichtungen
die interdisziplinär angelegten geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen
Studiengänge in der Substanz gefährden. Auch wird sich
die in vielen Bereichen nicht hinnehmbare Relation von Studierenden
und Lehrenden weiter verschlechtern, mit allen Folgen für die
fachliche Betreuung, den Studienerfolg und Studiendauer.
Die Geisteswissenschaften sollen somit inmitten einer existenzbedrohenden
Finanzkrise eine grundlegende Bildungsreform organisieren und sich
gleichzeitig Beschneidungen gefallen lassen, die ihre Substanz gefährden.
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