Pressemitteilung: April
2003
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Einige Thesen zur Universitätsreform (Prof. Dr. Reinhold
R. Grimm)
"Wie viel Reform braucht die Universität?" Die Frage
beantwortet sich natürlich von selbst: die Universität
braucht immer möglichst viel Spielraum für Reformen. Das
Problem liegt anderswo: nicht jede Änderung ist schon innovativ,
nicht alles, was sich Reform nennt, ändert wirklich etwas in
der Sache. Und so sollte auch nicht jede differenzierte Haltung
als antireformerisch denunziert werden. Oft ist es der Begriff der
Reform selbst, der auf den Hund gekommen ist. Nicht jede technokratische
Neuerung kann den Anspruch auf die schöne Bezeichnung "Reform"
erheben.
Ohne politischen Druck gibt es keine Reformen. Institutionen reformieren
sich in der Regel nicht von innen, sondern reagieren auf Veränderungsdruck
von außen. Das gilt natürlich auch für die Universitäten,
die als alte Institutionen in dieser Hinsicht zumindest mit den
Kirchen vergleichbar sind: ecclesia semper reformanda. Dieser Sachverhalt
rechtfertigt es aber nicht, den hochschulpolitischen Reformdiskurs,
wie es gerade üblich ist, pseudoreligiös zu überhöhen
und nach einem allzu schlichten Modell überall nur noch Reformer
oder Reaktionäre am Werk zu sehen. Das scheint mir alte, längst
überholte Fronten aus der Zeit nach 1968 zu wiederholen, wo
doch heute, so möchte ich vermuten, die vermeintlich einfachen
Lösungen, die Technokraten (in allen Parteien) vorschlagen,
dem Gedanken der Universität viel gefährlicher sein dürften.
Zu einem (hochschul)politikfähigen Reform-Diskurs gehört
deshalb, neben einem geziemenden Minimum von Bescheidenheit, auf
allen Seiten der Verzicht darauf, ewige Wahrheiten zu verkünden.
Wenn eine Wissenschaftsministerin auf einer Plenarversammlung des
Philosophischen Fakultätentages in ihrem Bundesland erklärt,
sie wolle die Habilitation deshalb abschaffen, weil sie Abhängigkeiten
überall abschaffen wolle, verkennt dies institutionelle Grundregeln
ebenso, wie wenn andere eine genaue Prozentzahl fauler Professoren
kennen.
Institutionen haben ihre Spielregeln. Dazu gehört auch, dass
sie dazu neigen, in erster Linie ihre eigenen Interessen zu vertreten.
Dies gilt übrigens auch für die Hochschulrektorenkonferenz,
die nicht ohne weiteres den Anspruch erheben kann, die ganze Universität
zu vertreten. Sie vertritt vielmehr das mehr und mehr professionalisierte
Spitzenmanagement der großen Apparate, die Universitäten
heutzutage sind, was nicht heißt, dass sie damit zugleich
die wohlverstandenen Interessen aller Fächerkulturen an unseren
Universitäten verteidigen. Und es gilt natürlich auch
für die Fakultätentage und Fachgesellschaften, dass sie
nicht die Universität als ganze vertreten. Nur eine Vielzahl
von Stimmen kann zu Reformen führen, die diesen Namen verdienen.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass zur Zeit eine zu kleine
Gruppe von "Stichwortgebern" die hochschulpolitische
Debatte beherrscht, deren Thesen von einer im Grunde konzeptionslosen
Politik im Bund und in den Ländern unbesehen aufgegriffen werden.
Sogenannte Insider propagieren flächendeckende Reformmodelle,
verweisen auf wirkliche oder vermeintliche amerikanische Vorbilder
- andere scheinen nicht mehr in den Gesichtskreis zu treten - und
übersehen in der Sache begründete Unterschiede zwischen
den Fächerkulturen an unseren Universitäten. In der Entwicklung
der deutschen Hochschullandschaft stehen zur Zeit vermeintliche
oder wirkliche angelsächsische Modelle im Vordergrund. Dabei
wird ein vor allem im Bereich der Technikwissenschaften und der
experimentellen Naturwissenschaften entwickeltes Ausbildungsmodell
umstandslos flächendenkend dem gesamten Hochschulsystem übergestülpt.
Oft wird vergessen, dass sich nicht einzelne Elemente aus anderen
Hochschultraditionen einfach übernehmen lassen, ohne dass das
gesamte System ins Ungleichgewicht gerät.
Dazu kommt, dass sich die Hochschulpolitik oft ihre Ziele ausschließlich
von vermeintlichen oder wirklichen ökonomischen Rahmenbedingungen
diktieren lässt. Konkurrenz, Effizienz und Leistung, die derzeit
gängigen Schlagworte, lassen sich aber nicht ausschließlichökonomisch
deklinieren. Vermeintliche, oft nur vermutete ökonomische Effizienz
ist kein hinreichendes Konzept zur Entwicklung vernünftiger
hochschulpolitischer Modelle. Die Entwicklung von Studiengängen,
die unmittelbar ökonomisch einsetzbare Absolventen produzieren,
war schon immer ein unerfüllbarer Wunschtraum von Technokraten.
Natürlich lassen sich komplizierte Apparate wie unsere Universitäten
nicht mehr in der überkommenen Weise "managen". Dies
kann aber nicht heißen, dass kurzsichtige und vor allem kurzfristige
Effizienzgesichtspunkte die Fächer, die Ausbildungsgänge
und den wissenschaftlichen Nachwuchs ausschließlich bestimmen.
An Universitäten werden nicht Autos produziert, sondern junge
Menschen ausgebildet, eine gesellschaftliche "Dienstleistung",
die keinen Gegensatz von "Ausbildung" und "Bildung"
verträgt. Es müssen also Strategien entworfen werden,
die nicht nur rasch überholte oder nicht mehr nachgefragte
Ausbildung, sondern auch Breite, Vertiefung, kurzum Bildung belohnen.
Diesen, übrigens mittelfristig auch ökonomisch sinnvollen
Zielsetzungen wird eine fatal kurzsichtige, technokratische und
auf unmittelbare ökonomische Umsetzung abzielende Hochschulpolitik
nicht gerecht.
Oder nehmen wir das Stichwort der Internationalisierung. Es ist
sehr auffällig, dass der entstehende Europäische Hochschulraum
und der sogenannte Bologna-Prozess eine überraschend geringe
Rolle in der Reformdebatte spielt. Im Hochschulreformspezialistendiskurs
ist "international" immer schon mit "amerikanisch"
gleichgesetzt und das in dieser Schlichtheit gar nicht existierende
angelsächsische Universitätssystem zur nach-nationalen
Einheitsinternationalität erhoben. Eine solche Reduktion der
europäischen Vielfalt ist nicht nur in den Geistes-, Kultur-
und Sozialwissenschaften ebenso absurd wie unsinnig. Wenn der Europäische
Hochschulraum mit der Reduktion des sprachlichen und fachsprachlichen
Reichtums seiner Universitätstraditionen beginnt, wird er auch
im internationalen Wettbewerb keinen Erfolg haben, vielmehr den
durchaus konkurrenzfähigen Reichtum europäischer Hochschultraditionen
irreparabel beschädigen.
Es kommt vielmehr darauf an, von einer oberflächlichen kosmetischen
Operation, wie sie vielerorts stattzufinden scheint, zu einer vertieften
Integration unter Respektierung der ausdifferenzierten Fächerkulturen
und nationalen Besonderheiten zu kommen und die nationalen Strukturen
der Hochschulorganisation zu verändern. Es genügt nicht,
(1) mit dem ECTS eine Transferwährung zu schaffen, (2) gestufte
Studiengänge flächendeckend einzuführen, (3) Englisch
(oder was man dafür hält) als universitäre Referenzsprache
zu propagieren und dabei im Grunde nicht an Europa, sondern an das
amerikanische Universitätssystem (oder was man dafür hält)
zu denken. Die Vertiefung der Bildungskooperation innerhalb der
Europäischen Union setzt vielmehr inhaltliche Debatten voraus.
Dabei müssen die ausdifferenzierten Fächerkulturen
mit ihren durchaus verschiedenen Voraussetzungen und Arbeitserfordernisse
wieder eine größere Rolle spielen. Die Vielfalt, Eigenständigkeit
und Besonderheiten der wissenschaftlichen Disziplinen müssen
gerade angesichts der zunehmenden Globalisierung weiterzuentwickeln
und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen
Universitätsausbildung erhalten und gestärkt werden. Deshalb
muss es Reformen mit Augenmaß geben, die sich bewusst
gegen das Monopol eines einzigen hochschulpolitischen Denkansatzes
aussprechen. Warum sollte es nicht möglich sein, in den verschiedenen
Fächerkulturen verschiedene Formen der Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses (Juniorprofessuren und Habilitation) konkurrierend zuzulassen?
Warum sollten nicht in den verschiedenen Fächerkulturen sachgerecht
und konkurrierend gestufte BA/MA-Studiengänge, aber auch, wo
dies sachgerecht ist, auch traditionelle Diplomstudiengänge
möglich sein? Warum sollte die Deutsche Forschungsgemeinschaft
nicht Förderungsbedingungen nach Fächerkulturen ausdifferenziert
gestalten, statt mehr und mehr einem Modell zu folgen. Warum sollten
die Organisationsformen der Universitäten nicht differierenden
Modellen folgen?
Die europäische Hochschulpolitik sollte sich für Vielfalt
entscheiden und konkurrierende Modelle der Universitätsreform
wagen. Nur so kann den nicht immer vereinbaren Bedürfnissen
der Fächerkulturen Rechnung getragen und der Rahmen für
einen internationalen Wettbewerb geschaffen werden, in dem auch
unsere Universitäten gute Chancen haben.
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