Pressemitteilung: November
2001
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Prof. Dr. Reinhold R. Grimm (Jena)
aus: Forschung & Lehre 11/2001
Wieder im Orchester mitspielen
Die Geisteswissenschaften im hochschulpolitischen Diskurs
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Nicht nur in der breiteren Öffentlichkeit, sondern auch in
den maßgebenden hochschulpolitischen Zirkeln, den Hochschulleitungen
und den Ministerien haben die Geisteswissenschaften zur Zeit wohl
die schlechteste Presse unter allen Fächerkulturen der Universität.
Von der Vielfalt, Diversität und Ausdifferenziertheit ihrer
Disziplinen und von ihren innovativen Potentialen ist oft wenig
bekannt.
Als Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages wird
man in durchaus honorigen Gremien gelegentlich erstaunt gefragt,
ob es außer der Philosophie noch andere Fächer gebe,
die in den "philosophischen" Fakultäten und Fachbereichen
betrieben würden. Oder man wird mit dem gegenläufigen
Vorwurf konfrontiert, die vielen "kleinen" Fächer,
von der Ägyptologie bis zur Kaukasistik, seien doch wirklich
nicht zwingend notwendig. (Man wagt schon gar nicht mehr, darauf
hinzuweisen, dass diese akademischen Überflüssigkeiten
ungewöhnlich "billig" sind.)
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Die Zeiten sind lange vorbei, als ein Präsident der (West)deutschen
Rektorenkonferenz (ein Chemiker übrigens) in den Medien erklärte,
ein Kulturstaat leiste sich seine Geisteswissenschaften, weil er
sonst mittelfristig Gefahr laufe, seine kulturelle Substanz zu verlieren.
Der abschätzigen Einstufung als ineffektive und unrentable
"Diskussionswissenschaften" steht im übrigen in der
Öffentlichkeit ein hektischer Ruf nach "geisteswissenschaftlicher
Kompetenz" gegenüber, wenn eilige "Politikberatung"
nötig zu sein scheint. So haben derzeit Orientalistik und Islamwissenschaft
Konjunktur, denen man eben noch ohne Zögern Stellen gestrichen
hat.
Das jüngste Tübinger Beispiel zeigt, dass sich auch
innerhalb alter Universitäten, die ihren Ruf ursprünglich
den Geisteswissenschaften verdankten, die Gewichte gänzlich
verschoben haben und Hochschulleitungen entschieden andere Prioritäten
setzen.
Man könnte auch auf die neuesten Programme zur Lehrerausbildung
in Nordrhein-Westfalen verweisen, wo der endlich erkannte, schon
lange sich anbahnende Lehrermangel unter dem Druck der Landesfinanzen
paradoxerweise zu einem Abbau der wissenschaftlichen Anteile in
der Lehrerausbildung zu führen scheint.
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Dabei verdanken die Geisteswissenschaften ihr schlechtes Image keineswegs
einem mangelnden Zuspruch von Studierenden. Die gleichen Hochschulpolitiker,
die den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, von Ausnahmen abgesehen,
Zulassungsbeschränkungen und Eignungsprüfungen oder doch
wenigstens die Mittel für Propädeutika verweigert haben,
werfen ihnen nun hohe Abbrecherzahlen und mangelnde Effizienz vor.
So ist es verständlich, wenn Geisteswissenschaftler auf diese
missliche Situation üblicherweise, und nicht ganz unbegründet,
mit Klagerufen, wenn nicht gleich mit undifferenziertem Kulturpessimismus
reagieren. Sie vermuten technokratische Verschwörungen und
(nicht immer zu Unrecht) Inkompetenz bei Hochschulleitungen, Hochschulpolitikern
und Ministerien und verweisen darauf, dass bemerkenswerte Reformschübe
in ihren Disziplinen (zum Beispiel in der Einführung der von
der Europapolitik geforderten gestuften BA/ MA-Studiengänge)
in der Öffentlichkeit kaum Beachtung finden.
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Die Geisteswissenschaften sind aber gewiss nicht das intendierte
Opfer einer technokratischen Hochschulreform, vielmehr sind sie
in die Zange mehrerer Entwicklungen geraten. Der von einem kleinen
Meinungskartell und wenigen Stichwortgebern organisierte hochschulpolitische
Diskurs wird von Schlagworten geprägt, mit denen die Geisteswissenschaften
zunächst Schwierigkeiten haben.
Der angestrebten Studienzeitverkürzung steht die statistisch
lange Verweildauer ihrer Studierenden entgegen. Die unmittelbare
Effizienz und Anwendungsrelevanz, die anderen Fächerkulturen
(vielleicht zu Unrecht) unterstellt wird, können sie nicht
bieten. Von wenigen Bereichen wie der Schule abgesehen, transportieren
sie kein klares Berufsbild und haben deshalb keine außeruniversitäre
Unterstützung. Ihre internationale (oder doch europäische)
Verflechtung ist nicht so evident wie in anderen Bereichen. Dem
Modell der Teamarbeit, das inzwischen das öffentliche Bild
der Wissenschaften prägt, entsprechen sie nur in seltenen Fällen.
Sie spielen deshalb in der Drittmitteleinwerbung, die mehr und
mehr als Kriterium für wissenschaftlichen Erfolg gilt, eine
nur geringe Rolle. Insgesamt scheinen sie den Leitbegriffen moderner
Hochschulpolitik - Konkurrenz, Effektivität, Leistung, Berufsbezogenheit,
Internationalität und Kooperation mit der Wirtschaft - nicht
zu entsprechen.
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Dazu kommen wichtige Veränderungen der Hochschulorganisation,
die sich zu ihrem Nachteil auswirken. Die wohl unvermeidbare Professionalisierung
der Hochschulleitungen hat zur Folge, dass die neuen "starken"
Rektoren und Präsidenten (von den Hochschulräten ganz
zu schweigen) glauben, sich im entstehenden zwischenuniversitären
und inneruniversitären Verteilungskampf um die nicht größer,
sondern eher geringer werdenden Ressourcen an kurzfristigen und
scheinbar einleuchtenden Maßstäben orientieren zu müssen.
Ein nachgefragter modischer Medien- oder Informatikstudiengang
schlägt dabei allemal kleine geisteswissenschaftliche Fächer
wie Kaukasistik oder Alte Geschichte. Die Qualitätskriterien
verkommen und Einschaltquoten gelten verbreitet als Qualitätsmaßstab.
Auch die größeren Fächer verfügen nicht über
genügend gesellschaftliche Unterstützung, um im inneruniversitären
Machtkampf konkurrieren zu können.
Mit der neuen Personalstruktur, die sich zur Zeit im Gesetzgebungsverfahren
befindet, dürfte sich die Situation noch verschärfen.
Die Hochschulleitungen werden ihre finanziellen Spielräume
für Leistungszulagen und Ausstattung zur Anwerbung begehrter
Spitzenkräfte in den Ingenieur- und Naturwissenschaften benötigen,
für geisteswissenschaftliche Berufungen werden kaum Mittel
übrig bleiben. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass in der
Regel nur die Grundgehälter und bescheidene Ausstattungen geboten
werden dürften.
Auch andere Entwicklungen werden sich negativ auf die geisteswissenschaftlichen
Fächer auswirken, weil ohne Rücksicht auf die Ausdifferenzierung
der Fächerkulturen ein einheitliches hochschulpolitisches Modell
über die ganze Universität gestülpt wird. So ist
die Habilitation in vielen Bereichen der Ingenieur- und der experimentellen
Naturwissenschaften in der Tat ein in der bisherigen Form von der
Entwicklung überholter Qualifikationsweg für künftige
Hochschullehrer.
Aber gerade in den Geisteswissenschaften (und einigen anderen Fächerkulturen)
entspricht sie durchaus den sachlichen Erfordernissen. Ihre im neuen
Hochschulrahmengesetz indirekt erzwungene Abschaffung wird andere
als die angestrebten Folgen haben.
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Die für die Geisteswissenschaften nachteiligen, zum Teil katastrophalen
Folgen dieser Entwicklungen in der Hochschulpolitik und in den Organisationsformen
der Universitäten lassen sich nur ausgleichen, wenn die Geisteswissenschaftler
ihre wenig beeindruckende Klagemauer verlassen und die hochschulpolitischen
Stichworte selbst aufgreifen, die zur Zeit die Szene besetzen. Nur
dann können sie mit Aussicht auf Erfolg die Hochschulpolitiker
darauf aufmerksam machen, dass sie mit ihren strukturellen Entscheidungen
unbedacht erheblichen Schaden in wichtigen Fächerkulturen verursachen.
Die Geisteswissenschaften tragen bekanntlich erheblich dazu bei,
dass sie (von wenigen Ausnahmen angesehen) in der Öffentlichkeit
zu wenig wahrgenommen werden. Dabei könnten sie, richtig verstanden,
vielen Leitforderungen der derzeitigen hochschulpolitischen Debatte
durchaus entsprechen. Wenn Bildung nicht nur verkürzt als Ausbildung
verstanden wird, sind die Geisteswissenschaften durchaus (nicht
nur für die Schule und die Medien) berufsrelevant; sie vermitteln
Kompetenzen, die in der immer neu beschworenen Lerngesellschaft
dringend erforderlich sind.
Die angestrebte Studienzeitverkürzung lässt sich auch
in geisteswissenschaftlichen Studiengängen sachgemäß
erzielen, wenn die richtigen Kriterien angelegt werden. Von Mannheim
bis Greifswald gibt es dafür überzeugende Modelle, die
viel zu wenig bekannt sind. Die interdisziplinäre Verflechtung
ist in den Geisteswissenschaften nicht weniger weit fortgeschritten
als anderswo.
Für Internationalisierung gibt es auch geisteswissenschaftliche
Modelle von der Linguistik bis zur Religionswissenschaft. Und für
den entstehenden europäischen Hochschulraum sind die Geisteswissenschaften
in vieler Hinsicht Vorreiter, unentbehrlich ohnehin. Wenn die adäquaten
Kriterien angelegt und nicht aus anderen Fächerkulturen abgeleitet
werden, gibt es auch in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen
Spitzenleistungen; man muss es der Öffentlichkeit und den Hochschulleitungen
nur verdeutlichen.
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Mit anderen Worten: Es liegt auch an den Geisteswissenschaften selbst,
wieder im Orchester mitzuspielen. Die Wissenschaftsjournalistin
Heike Schmoll hat jüngst in einem Artikel der FAZ festgestellt,
dass es nicht mehr der alte Gegensatz von Natur- und Geisteswissenschaften
ist, der die Debatte bestimmt.
Die Geisteswissenschaften müssen durch Reformfähigkeit
und nachhaltiges Wirken im öffentlichen Raum nachweisen, dass
sie bei Anwendung sachgerechter Kriterien in der Konkurrenz der
Fächerkulturen mithalten können und nicht weniger als
andere universitäre Bereiche zur entstehenden, international
verflochtenen, auf Leistung und Effizienz angewiesenen Wissensgesellschaft
beitragen können.
Nur wenn es gelingt, dies in das öffentliche Bewusstsein
zu bringen, werden die geisteswissenschaftlichen Disziplinen nicht
mehr als Statisten gelten, deren universitären und öffentlichen
Status man unter finanziellen Vorgaben beliebig verschieben kann.
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